Liebe Zeitungsverleger, ich bestehe auf Papier!

18.02.16

Turin Kommentar

Fachverleger und Digital-Experte Peter Turi (turi2.de) will bis zu seinem letzten Atemzug seine gedruckte Regionalzeitung lesen

Ich bin unverbesserlich. Ein unverbesserliches Zeitungsleser, ein unverdrossener Papierliebhaber. Ohne Papiergeraschel ist ein Frühstück für mich kein Frühstück.

Ich bin treu wie Gold als Abonnent der „Rhein-Neckar-Zeitung“. Vermutlich treu bis in den Tod. Wie jene Altersheim-Bewohner in meiner Zivildienst-Zeit, für die täglich die Lokalzeitung kam, obwohl sie längst Pflegefälle waren und nicht mehr in der Lage, die Zeitung zu lesen. Und deren Kinder und Enkel am Abo buchstäblich bis zum letzten Tag festhielten mit dem Argument: „Die Oma war ihr Leben lang auf den ‚Mannheimer Morgen‘ abonniert. Wenn wir den jetzt abbestellten, ist es, als würden wir sie zu Lebzeiten für tot erklären.“

Wahrscheinlich werden es meine Enkel genauso halten. Mein Tod wird dann eine positive Nachricht für Anzeigenabteilung (Todesanzeige!) und eine negative für die Aboabteilung (Abonnent verstorben). Aber warum bin ich meiner Lokalzeitung so treu? Denn eigentlich verdiene ich, der ich täglich 20.000 Medienmacher bei turi2.de über die News der Medienszene informiere, ja seit fast 20 Jahren mein Geld vorwiegend im Internet.

Ich will es Ihnen verraten: Für mich als Internet-Pionier und Digital-Experte ist die gedruckte Zeitung der beste Aggregator und Navigator, den ich mir vorstellen kann. Die Tageszeitung ist für mich die ideale Medienform, die im Internet immer noch gesucht wird. Warum? Dutzende Redakteure haben sich die Arbeit gemacht, alles zusammenzutragen, was ich an Informationen täglich brauche. Auf den Lokalseiten steht, wo meine Heimatstadt Walldorf das viele Geld hinschafft, das ihr größter Arbeitgeber SAP an Steuern bezahlt. Der Tageskalender zeigt mir, was abends im Theater Heidelberg läuft, der Sportteil, warum 1899 Hoffenheim wieder mal den falschen Spieler gekauft hat.

Ich weiß, ich weiß: Für alles würde es Webseiten geben, die noch aktueller, spezieller und ausführlicher berichten. Aber genau das schätze ich an der „RNZ“: Dass die Redakteure all diese Seiten für mich besucht haben (und die Fußballspiele und die Theaterabende und die Gemeinderatssitzung dazu) – und dass sie mir das wichtigste in kompakter Form täglich zum Frühstück präsentieren. Ich gebe zu, dass ich notfalls auf „Handelsblatt“, „Süddeutsche“, „FAZ“ und „Welt“ verzichten würde. Aber auf die Regionalzeitung zu allerletzt.

Im Internet gibt es jeden Tag einen neuen Hype für Dienste, die Infos „kuratieren“, wie es so schön heißt. Brauch ich nicht, Freunde. Mein Aggregator und Navigator durch die lokale Wirklichkeit ist bereits erfunden: die Zeitung auf Papier. Und ich betone: auf Papier.

Ich habe beim Medienkonsum eine feste Regel: Niemals etwas digital zu lesen, was ich auf Papier lesen kann. Warum? Papier ist für mich der perfekte Stoff als Informationsträger. Ich brauche keinen Strom, um es zu lesen. Die Buchstaben flimmern nicht, keine Mail, kein Tweet stört die konzentrierte Informationsaufnahme. Ich kann wichtiges anstreichen, ausreißen, über den Frühstückstisch reichen (und notfalls mit dem iPhone fotografieren und per Mail oder WhatsApp nach Australien schicken). Und vor allem: Ich verbringe berufsbedingt schon viel zu viel Zeit jeden Tag vor kleinen, mittleren und großen Bildschirmen. Für Körper, Augen und Seele ist jede ausgestöpselte Minute ein Gewinn.

Also, liebe Verleger: Bitte unbedingt die Zeitung auf Papier erhalten. Ich bleibe Euch garantiert treu. Bis zu dem Tag, an dem es von mir eine gute Nachricht für die Anzeigenabteilung gibt und eine schlechte für den Vertrieb.


Peter Turi

Peter Turi, (55), ehemaliger Schüler der Deutschen Journalistenschule, begann seine Karriere zunächst bei der Karlsruher Rundschau. Nach Stationen bei der Rhein-Neckar-Zeitung und Kurpfalz-Radio, gründete er das Journalistenbüro PBM in Mannheim. 1996 übernahm er als Chefredakteur und Co-Verleger den Mediendienst Kress Report von „Altverleger“ Günther Kress. Er stieg 2000 aus und launchte 2006 die Website turi2.de, kürzlich erschien die erste Ausgabe seiner Buchreihe turi2 edition mit dem Thema „Print. Ein Plädoyer für Slow Media.“

Kontakt

Ihr Name
Ihre E-Mail Adresse
Ihre Nachricht

Powered by ChronoForms - ChronoEngine.com